Herr Brauns sucht das Glück

Herr Brauns sucht das Glück





Fotos: Simon Katzer – Text: Petra Neumaier

 

Einfach nur zu sein. Im Gras zu liegen, den Wolken zuzusehen. Loszulaufen, ohne zu wissen, wo man am Abend ankommt, wo und was es zu essen gibt, wo und wie man schlafen wird. Die Freiheit genießend und im Vertrauen, nicht verloren zu gehen und dass gerade dann, wenn man denkt, es geht nicht weiter, plötzlich Menschen auftauchen. Aus heiteren und sogar verregneten Himmeln. Dirk Brauns Blick geht in die Ferne. „Ich hatte es tatsächlich nicht auf dem Schirm, dass mir die Wanderung so gefallen würde“, sagt der Journalist und Buchautor aus Adelshofen, der im Herbst rund 700 Kilometer nach Berlin lief. Ein Weg, den er vor 29 Jahren schon einmal zurücklegte – nur in umgekehrter Richtung und für das Magazin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Jetzt hatte sich Dirk Brauns eine andere Aufgabe gestellt: Die Suche nach dem Glück. Dem der Menschen, die ihm begegneten und vielleicht auch dem eigenen, einem anderen und noch unbekannten.

 

Mit den Interviews und Biografien würde Dirk Brauns, der auch bei Kunstaktionen aktiv ist, gerne ein lebendiges Museum bestücken – inklusive Videos und Reisefundstücken.  Erst einmal müsse er aber seinen „Text-Stau“ abarbeiten, darunter auch sein neuer Roman der 2025 erscheinen wird.  

Dirk Brauns kann selbst Wochen nach seiner Rückkunft nicht mit Sicherheit sagen, dass er wieder angekommen ist. In seinem Heimatort Adelshofen, wo der Ostberliner seit 2013 glücklich mit seiner Familie in einem hübschen Haus wohnt. „Adelshofen ist toll, trotzdem muss ich mich noch sortieren“, sagt der Weitwanderer und nippt gedankenverloren an seinem Kaffee. Intensiv waren die Erlebnisse, vielfältig die Erfahrungen, zu denen seine selbstgestellte Aufgabe kam: „Meine Wanderung zur Zeit der Wahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg hatte ja eine politische Komponente“, sagt Dirk Brauns, der nicht nur wissen wollte, was Menschen glücklich macht, sondern auch „wie meine Leute ticken.“

 

Die Reise erinnert ihn an früher. Beginnend als Schüler in Ostberlin (Pankow), wo er als Sohn einer Sportlehrerin und eines Wirtschaftswissenschaftlers aufwächst und mit den Lehrern seiner „Bonzenschule“ gerne streitet. Mit dem Abiturzeugnis in der Hand verlässt er jene postwendend (und an die Tür urinierend), schwingt sich auf sein Fahrrad und radelt mit einem Freund nach Bulgarien. Sieben Wochen sind sie unterwegs, ohne Geld, um Essen bettelnd und zum Schluss sogar ohne Räder – „die mussten wir verkaufen.“

 

Abenteuer, Reisen ins Unbekannte: „Das ist mein Ding.“

 

Zurück leistet Dirk Brauns seinen Militärdienst ab. Und wenn schon „Gefängnis“, dann in einer Spezialeinheit. Wo er durch Sport „ausbrechen“ kann: Fallschirmspringen, 70 Kilometermärsche mit Gepäck … Er gibt zu, dass es ihm gefiel und er sogar weiter „gedient“ hätte – wenn er nicht seiner späteren Frau begegnet wäre. Also studiert der junge Mann Dramaturgie und Szenisches Schreiben. Sein Traum: eine Wanderung durch eine Wüste. Mit einem Freund fliegt er nach Australien. Einen Handwagen mit Wasser ziehend laufen sie los. Wochenlang. Dirk Brauns zuckt mit den Schultern. „Ich wollte was erleben“, sagt er und erinnert sich vor allem an die „unfassbare“ Hitze, das Tänzeln auf glühend heißem Boden. „Unvergessliche Erlebnisse.“

 

Die große Tafel in seinem Büro ist noch immer vorgekritzelt mit Notizen für seine Wanderung. Im nächsten Jahr wird er sie teilweise noch einmal wiederholen, wahrscheinlich mit dem Team eines Fernsehsenders.

Reisen und Grenzerfahrungen werden eine Passion, die er ab 1999 mit dem Journalismus verbindet. Als Reporter für „Die Woche“, die „Berliner Zeitung“ und die „Wirtschaftswoche“ berichtet Dirk Brauns aus Weißrussland, China, Afghanistan, Irak und Nordkorea.  Bereits 1995 war er zu Fuß von Berlin nach München gewandert. Sein Auftraggeber, „Die Zeit“, hatte das Exklusivrecht. Nur kurz wurde im Frühstücksfernsehen ein Beitrag gesendet.

 

Fast drei Jahrzehnte später ist das mediale Interesse um ein Vielfaches größer. Die Aufmerksamkeit freut, ist aber auch anstrengend und bringt den groben Zeitplan durcheinander. Allein die Verabschiedung von zu Hause verzögert sich um Stunden: weil erst die Kamera streikt und dann der Regisseur verschiedene Perspektiven haben will: Fünfmal küsst Dirk Brauns seine Frau (er grinst)  und seine beiden Töchter, dann darf er endlich, aber viel zu spät los. Die Filmcrew fährt ihn noch ein Stück.

 

Die Absicht „einfach loslaufen und mit Passanten über ihr Glück reden“ funktioniert nicht am ersten Tag („da hatte ich mehr mit dem Wandern zu tun“). Doch nach einer verpassten Chance, über die er sich bis heute ärgert, wird es fast zur Routine. Als „Geschenke“ bezeichnet er die Begegnungen, die er aufzeichnet und in seinem Blog (dirkbrauns.com) veröffentlicht.

 

Wandern und gleichzeitig das Erlebte niederschreiben war für Dirk Brauns ein großes Problem. Denn am Ende des Tages war er zu müde, um noch Notizen zu machen oder gar seinen Blog zu schreiben. „Da wollte ich einfach nur was essen und schlafen.“ Also „erfindet“ er das Hybridwandern: Früh losgehen, am Vormittag pausieren und schreiben, weiterlaufen. Nachmittags noch einmal eine Schreibpause, bevor er sein Nachtquartier sucht: im Wald (Zelt), einem Gasthaus oder bei Menschen, die ihn spontan in ihr Haus einladen. Und manchmal sogar noch verköstigen.

Dirk Brauns ist überrascht, wie positiv die Angesprochenen auf ihn, den Wanderer mit Hut und Stiefeln und Rucksack reagieren. „Vielleicht“, mutmaßt der 56-Jährige, „ist man in der Verkleidung vertrauenswürdiger? Oder es ist das Alter? Da wirkt man harmlos.“ Vielleicht das, oder seine Ausstrahlung, die signalisiert: Hier ist der nette Typ von nebenan, der, der hilft, dem nichts egal ist und der auch was tut (in Adelshofen zum Beispiel im Arbeitskreis Ortschronik). Und: das ist einer, der zuhört, ohne zu kommentieren. Nach einer Woche auf Wanderschaft ruft Dirk Brauns seine Mutter an. Dankt ihr von Herzen, für die Fähigkeit, auf fremde Menschen zugehen zu können, ohne Angst vor Ablehnung oder Verurteilungen.

 

„Manche Tage waren Kunstwerke, wie gemalt und leicht – andere zäh, schwer.“

 

19 Interviews nimmt er mit auf seinem Weg. Und noch weit mehr berührende Geschichten über Menschen und Orte. Wie Halberstadt, das so schön wie eine Filmkulisse aussieht, aber einer verlassenen Geisterstadt gleicht.  Überhaupt findet er viele Orte in einer eigentümlichen Stille wieder – auch in Bayern. „Man weiß von dem demografischen Wandel“, sagt er, „aber ihn selbst zu erleben, die Leere, ist etwas anderes.“

 

Dirk Brauns ist nicht als Missionar unterwegs. Auch nicht in den Bundesländern, die vor der Wahl stehen. AfD-Anhänger lässt er reden, ohne zu werten. Ohne dagegenzuhalten. Er spielt nicht die Rolle des „Rechthabers“ oder gar „Allwissenden“ und schon gar nicht des „Besserwissers“. Im Gegenteil. „Ich war der Neugierige, der Lernende, der Betrachter und Zuhörer.“ Seine grenzenlose Neugier besiegt auch immer wieder das Erschöpftsein. In dem winzigen Ort Egeln in Sachsen-Anhalt wird er überredet, ein Konzert zu besuchen. Und ist überwältigt von der Musik, die ihn zum Weinen bringt.

 

Nein, „Erweckungserlebnisse“, wird er später zusammenfassen, erlebte er nicht, aber eine Kanonade kleinster Kreuzfeuer. Schöne Situationen wechselten sich mit nicht so schönen ab, „so blieb der Tag im Gleichgewicht.“ Wie dieser besonders trübe, nasse und kalte Morgen, als er missmutig auf einem langen, geraden Feldweg dahintrottete –

und unvermittelt vor einem Wolf stand. Angst? Nein. Faszination? Ja. Und unendliche Dankbarkeit in den wenigen Sekunden, in denen die Zeit stehen zu bleiben schien und sich ausdehnte –  in einen unvergesslichen Moment tiefen Glücks.

 

Vita

Geboren 1968 in Ostberlin.

Nach dem Abitur drei Jahre Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee

Von 1990 bis 1993 Studium der Dramaturgie und Szenischem Schreiben an der Hochschule der Künste Berlin

Ab 1994 Autor von Hörspielen, Nachtschichten auf einem Berliner Schlachthof und Arbeit mit den Kabarettisten Steffen Mensching und Hans-Eckardt Wenzel

Ab 1999 Zeitungskorrespondent in Peking und Warschau, unter anderem für „Die Woche“, die „Berliner Zeitung“ und die „WirtschaftsWoche“. Als Reporter berichtete er unter anderem aus Afghanistan, dem Irak und Nordkorea.

Seit 2012 wohnhaft in Adelshofen und Autor mehrerer Romane. Sein bekanntestes Buch „Die Unscheinbaren“ (2019) basiert auf seiner Familiengeschichte, als die Großeltern als Agenten des Bundesnachrichtendienstes entlarvt und verhaftet wurden.

Weitere Bücher: „Wir müssen dann fort sein“ (2016); „Café Auschwitz“ (2015); „Im Inneren des Landes“ (2012); „Berlin – München zu Fuß“ (1997).

In seinem fast fertigen, neuen Roman arbeitet Dirk Brauns seine Zeit als DDR-Bürger auf, der neben der Mauer aufwuchs und sogar im Gefängnis saß.

 

 

 

Liebe auf dem zweiten Blick

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Gefangen in Herrnzell

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