Gefangen in Herrnzell

Gefangen in Herrnzell


Fotos: Corinna Eichberger-Renneisen/Fam. Krapf – Text: Ricarda Traub

 

Klirrende Kälte, klare Luft und wo man hinblickt schneebedeckte Wiesen und Felder. Nur das Jauchzen und Lachen von Kindern durchbricht die Stille. Am Hof der Familie Krapf rutschen Mädchen und Buben auf Schlittern die Hochfahrt der Tenne hinunter. Was für ein Spaß an diesem wunderbaren frostigen Tag! Die Erwachsenen, die der Gaudi zuschauen, erinnern sich an den letzten schweren Winter: „Wir haben den halben Tag damit verbracht, die Einfahrt freizuräumen, damit der Schulbus wenden kann. Bei dem Wetter ist er aber sowieso nicht bei uns vorbeigefahren.“

„Bei uns“ – damit ist Herrnzell gemeint. Insgesamt vier im Nebenerwerb bewirtschaftete Höfe, 23 Menschen: sechs Frauen über 18 und drei Mädchen, der Rest Männer und Buben. Keine Straßennamen. Wer eine Adresse sucht, muss sich an Haus 1, 2, 3 und 4 orientieren.

Funde aus der Jungstein- und Bronzezeit weisen auf eine frühe Besiedlung hin und der kleine Ort hat sogar Berührungspunkte mit etwas Großem. Mit Karl dem Großen nämlich. Er soll Herzog Tassilo III. abgesetzt haben, woraufhin dieser vor seiner Abschiebung in ein fränkisches Kloster in Herrnzell gefangen gehalten worden sein soll. Im nordöstlichen Teil des Örtleins wurde sogar eine Burg vermutet.

Zu sehen ist davon nichts. Dafür eine markante Kirche. An Franz Krapfs Schlüsselbund klimpert der große, eiserne und geschwungene Schlüssel. Er erinnert mehr an den des kleines Schlossgespenstes, öffnet aber kein Geisterhaus, sondern die Pforte der Kirche Sankt Clemens. Zugegeben, es ist mehr eine Tür als ein großes Portal, jedoch eine sehr schöne, deren Machart einen Hinweis auf die lange Geschichte des Gotteshauses zu geben vermag. Innen und außen ist das Gebäude schlicht. Und hübsch: der Zwiebelturm mit Schindeldach, der schwarze Altar mit der Figur des Kirchenpatrons, die einfachen weißen Stuckverzierungen, die einzelnen goldenen Akzente, der alte Holzbalken, der auf der Empore als Sitzbank dient. Der Opferstock – ein morscher Baumstamm – hat auch schon einiges an Almosen gesehen. „Dreimal im Jahr gibt es eine feste Messe und die meisten der Herrnzeller haben ihre Kinder in Sankt Clemens taufen lassen“, erzählt Franz Krapf. Bei ihm fragt übrigens der ein oder andere Fahrradfahrer, der des Weges kommt, nach dem Schlüssel und ob er einen Blick in die Kirche werfen dürfe – man habe gehört, das Gebäude wäre schon sehr alt.

Nur einen Steinwurf entfernt ein weiteres Urgestein: Eine große Linde, unter der die Herrnzeller vor ein paar Jahren einen selbst gezimmerten Zeitungskasten aufgestellt haben. Für die einzelnen Häuser gibt es keinen extra Zusteller und mit der Post würden die Zeitungen erst mittags ankommen. Über das aktuelle Tagesgeschehen möchte man sich ja aber dann doch lieber morgens bei einem Kaffee informieren. Deshalb werden alle Zeitungen gesammelt in das selbstgebaute Häuschen geliefert und die Bewohner holen sich diese dort ab – und wenn mal keine Zeitungen in dem kleinen Kästchen liegen, dann macht es sich darin eine der Katzen des Ortes gemütlich.

Das Grundstück der Familie Krapf bietet nicht nur einen Schlittenberg, es sticht auch ein buntes, hübsch verziertes auf einem hohen Pfahl stehendes Taubenhaus ins Auge. Franz Krapfs Urgroßvater hat es errichtet, sein Opa zusammen mit dem Vater später nochmals in dessen Garten ums Eck ähnlich nachgebaut. Von Tauben werden beide allerdings schon lange nicht mehr angeflogen. Ein Hingucker sind sie aber allemal.

Und wie sieht es mit dem Gesellschafts- und Vereinsleben aus? „Herrnzell ist da in einer durchaus günstigen Lage“, sind sich alle in der Familie Krapf einig. Nicht, weil dort so viel geboten wird, nein, vielmehr, weil sich die Dorfbewohner an den umliegenden Ortschaften orientieren und deren Gesangs-, Burschen- oder Sportvereine nutzen können. „Aber man muss von sich aus die Initiative ergreifen, ansonsten ist man als Herrnzeller schnell vergessen.“ Ein Gutes hat das Ganze jedoch: Von jeglichem Dorftratsch kann man sich dann schön raushalten und in den beschaulichen Weiler zurückkehren.

 

Steckbrief Herrnzell

Lage
Kleiner Weiler zwischen Unterschweinbach, Aufkirchen, Günzlhofen und Vogach gelegen

Einwohner
23

Namensherkunft
Der Ort „Celle“ taucht 1165/1170 erstmals urkundlich auf. Im 12. Jahrhundert finden die Grafen von Dachau Erwähnung; die Zeller (Bewirtschafter eines Ackers) von Herrnzell, die dem niederen Adel angehören, gelten mit ihnen als verwandt. 

Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr
Buslinien 874 nach Malching und Egenhofen

Geschichtliches
Katholische Kirche St. Clemens, errichtet um 1500 – spätgotischer Altar, nach Sanierungen mit Elementen des Rokokos

Wer war der heilige Clemens? Der Überlieferung nach ein Schüler des heiligen Petrus auf Wahrheitssuche. Der „Erste Clemensbrief“ mahnt zu Eintracht, Frieden und Ordnung.

 

Herr Brauns sucht das Glück

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