Der Mann und die Kamera

Der Mann und die Kamera

Fotos: Simon Katzer,

Text: Petra Neumaier

 

Der Blick durch die große Fensterfront des Wohnzimmers geht in ein grünes Paradies. Dachs, Marder, Fuchs, Rehkitz, Wildkaninchen, Igel und ganz viele Vögel kommen hier durch oder lassen sich in diesem natürlich, von seiner Frau Elli gepflegten Paradies nieder. Norbert Rosing, preisgekrönter und einer der weltweit bekanntesten Naturfotografen schaut von seinem Sessel aus gerne hinaus, beobachtet, greift aber selten zur Kamera. Nicht, weil es hier nichts zum Ablichten gäbe. Zeit seines Lebens zieht es ihn hinaus. Hoch in den Norden und tief in den Süden des Globus. „Ich will fotografieren, was andere nicht fotografieren“, sagt der nimmermüde 70-jährige Grafrather.

 

Im Flur stapeln sich die Hochglanz-Wissenschafts- und Naturmagazine. Seine Fotos zieren die Cover oder füllen Reportagen von National Geographic, GEO und vielen anderen. Außerdem zieren sie Briefmarken und Kalender. In einem Regal, zwischen seinen 13 Bildbänden über Eisbären, Polarfüchse, Nationalparks, Bäume, Meere und Geparden, ruhen seine Kameras – und sie scheinen zu platzen vor Erinnerungen an Abenteuer der Vergangenheit, von denen ihr Besitzer gerne und spannend erzählt.

 

Die Regale in Norbert Rosings Haus in Grafrath sind gefüllt mit Preisen, seinen eigenen und fremden Foto- und anderen Büchern und ungezählten DVDs und CDs: Rockkonzerte und überhaupt Musik der 60er und 70er Jahre (von ACDC bis zu den Beatles und vom Hardrock bis zum Blues) sind sein Hobby. Ebenso Filmklassiker. Im Keller lagern eine Viertelmillion Dias – schätzt Rosing, der sie momentan scannt und bearbeitet. Und mit ganz anderen Augen sieht, als damals, als er sie aufgenommen hatte.

Norbert Rosing sitzt selten länger als nötig in seinem Sessel und schaut in den Garten. Er muss los. Raus. „Ich finde immer etwas“, sagt der Mann mit der beigen Multitaschen-Weste und steht auch schon wieder auf. Es treibt ihn herum, zu Festivals zwischen Gauting und Dubai, aber meist in die Natur. Vor allem in diesem Frühling, als die Natur regelrecht explodierte mit ihren Blüten und Farben. Dann schleicht er durchs Unterholz, verharrt in kratzigen Gebüschen, wartet, sucht und findet Motive, die er auf seine einzigartige und sensible Art mit der Kamera festhält.

 

Die Länder, in denen Norbert Rosing schon war und in denen er fotografierte, zählt er nicht. Es geht ihm auch nicht um Zahlen. Um Rekorde. Darum sind es auch nicht so viele, wie man vermuten möchte. Und doch weit mehr, als die meisten der Bild-Betrachteter jemals sehen werden. Schon gar nicht so. Denn Norbert Rosig geht es um Intensivität. Wo er mit der Kamera ist, ob in der Arktis oder in Afrika, ob im Yellowstone oder in sämtlichen Nationalparks und Biosphärenreservate in Deutschland, ist er mit Haut und Haar und natürlich Objektiv intensiv und konzentriert dabei.

 

Geboren wird Norbert Rosing 1953 im Münsterland. Dort wächst er auch auf. Das Feuer der Fotografie entfacht bereits seine erste Kamera: eine „Kodak Instamatic 104 mit Blitzwürfel“ – etwa 70 Mark teuer und viel Geld für den jungen Burschen, der jahrelang den Lohn für das Aufstellen von Kegeln spart. Später kann er sich seine erste Spiegelreflex-Kamera leisten und gewinnt bei einem Fotowettbewerb in Frankfurt eine Leika R4.

 

Das Fotografieren ist jedoch nur sein Hobby und so beginnt Norbert Rosing 1975 in München eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Hier lernt er auch seine Frau Elli aus Grafrath kennen. Die beiden ziehen in ihr Elternhaus, nur ein paar Wochen wollen sie bleiben. Daraus sollen mehr als 50 Jahre werden.

 

Einen Senkrechtstart legte Norbert Rosing mit dem geisterhaften Bison, der aus dem Nebel auftaucht und dem Eisbären, der frontal mit Kopf auf den Pfoten und Hinterteil in der Luft sinnend auf der Eisscholle liegt hin. Über 10 000 Poster wurden davon angefertigt, noch heute gibt es Anfragen. „Dabei ist das schon 20 Jahre her.“  Beide Bilder hängen übrigens in Galerien in den USA Und oft muss er wegen ihnen noch Verträge unterschreiben, „die aber leider nichts bringen.“

„Wenn einer ‚Nein‘ zu meinen Bildern sagt, probiere ich es beim Nächsten“, sagt Norbert Rosing. So öffnete ihm der von Verlagen verpönte Schwarzweiß-Bildband über den Westen der USA die Tür zu einem der größten Events in Sharjah (bei Dubai). Im Februar kam er von dort mit einem goldenen Fotografen-Oscar zurück. Noch mehr freute ihn aber, dass er hier seine Bilder riesengroß ausstellen durfte.

Ein halbes Jahr arbeitet er als Krankenpfleger, legt Jahresurlaube und Überstunden zusammen und fliegt nach Kanada. Zunächst „einfach so“ und weil er in einem Magazin Eisbären auf einer Müllhalde gesehen hat. In Hudson Bay richtet er sich sogar einen zweiten Wohnsitz ein. Ein Hotelier reserviert ihm ein Zimmer, er kauft ein Auto. Fast alles, was er als Gepäck dabei hat, deponiert er hier. Auch die schweren Stative und Objektive.

 

„Wenn ich heute als Fotograf anfangen würde, könnte ich nicht überleben.“

 

Eine fotografische Ausbildung macht er nicht. Sein Auge, seine Leidenschaft und seine Neugier öffnen die Tür zu einer Agentur, die wiederum Kontakte zu großen Verlagen hat. Seine Augen leuchten: „Ich habe immer zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Leute getroffen.“ Bis 1986 arbeitet Norbert Rosing zweigleisig, dann hat er einen heftigen Bandscheibenvorfall, der ihn nach der OP ein Jahr außer Gefecht setzt. Er soll sich „warmhalten“ heißt es, aber als ein Auftrag zum Eisbären-Fotografieren in der Arktis kommt, kann er nicht widerstehen. Drei Wochen steckt der Rückenkranke bei minus 38 Grad in einem Schneesturm in Churchill (Kanada) fest. Er zuckt mit den Schultern: „Es ging gut“, sagt er so nebenbei.

 

Fritz Pölking (1936-2007), deutscher Naturfotograf und Verleger und einer der Wegbereiter der modernen Tierfotografie in Europa, wird sein Mentor. Weihnachten 1992 lädt jener ihn spontan nach Afrika ein, um dort Großkatzen zu fotografieren. Rosing hat Dienst im Krankenhaus. Kein Kollege will tauschen. „Also muss ich kündigen.“ Die Bandscheibe hätte sowieso nicht mehr lange mitgemacht. Damit beginnt auch seine Selbständigkeit als Fotograf. Von eben auf gleich. Ein Jahr nehmen sie sich Zeit für die Geparden. Die Bilder werden heute noch verkauft. Mit dem Buch und seinen Eisbärenfotos klopft er bei National Geographic. Umgehend kommt der Anruf, mehr für eine Serie zu liefern. Norbert Rosing geht den Weg seiner Berufung – und die Bandscheibe geht mit.

 

Drei Jahre lang war er dennoch ausschließlich in der fränkischen Schweiz unterwegs. Im Frühjahr gab er hier auch einen Workshop. Den ganzen Tag wandernd. bei strömenden Regen „und nass bis auf die Unterhosen“ und bei eisigen Temperaturen. Er zuckt nur mit den Schultern: Die Bilder haben so eine ganz besondere Stimmung.

Wenn Norbert Rosing mit Kamera und Stativ durch das Unterholz und auf Wegen durch die Wälder unterwegs ist, sammelt er auch den Müll auf. Getränkedosen, Plastiktüten, Flaschen: Seine mitgebrachte Tasche ist schnell gefüllt.

„Ein gutes Bild muss weh tun.“

 

Zumindest, wenn man ein guter Naturfotograf sein will. Kälte, Hitze, Zecken, Mücken und anderes Getier: Stundenlang, tagelang still warten. Der Fotograf ist geduldig und genügsam, braucht aber immer Schokolade und eine Semmel auf seinen Foto-Safaris. „Wenn ich müde oder hungrig bin, finde ich kein Motiv“, sagt der Abenteurer, der bei seinen Kollegen gleich den Ruf weghat. „Wo der Rosing fotografiert, ist das Café nicht weit.“

 

Zeit und Geduld sind seine Stärken. Zeit auf der Suche nach dem richtigen Ort und Geduld, im richtigen Moment abzudrücken. Licht, Wetter, Jahreszeit, Tageszeit. Alles muss passen. Und Glück gehört auch dazu, gibt er zu. Wie damals, als er am 1. Januar 2000 für ein Projekt Adler in Alaska fotografiert. Gemeinsam mit vielen anderen Natur-Star-Fotografen, die gebannt in den Himmel starren. Rosing sieht einen Pfosten mit Bergpanorama im Hintergrund und wartet. Wartet. Wartet. Bis sich ein Seeadler darauf niedersetzt und schreit. Eine weiße Atemwolke aus seinem Schnabel stoßend. Zwei Klicks. Der Preis ist ihm sicher. Das Foto geht um die Welt. „Man muss fleißig sein, aber auch erahnen, was passieren kann“.

 

 

Die Zeit wird ihm aber auch gegeben. Zwei Jahre für die Polarfüchse für National Geographic. Allein sechs Wochen verbringt Norbert Rosing im Zelt vor dem Fuchsbau – schlaflos umschwärmt von Millionen von Mücken in der Mitternachtssonne. „Aber es hat Spaß gemacht“, sagt er und erzählt von sieben Welpen und ihren scheuen Eltern. Und dass am Schluss die Füchse so zahm sind, dass sie zwischen seinen Beinen laufen.

 

Die Eisbären brauchen noch mehr Geduld: Im ersten Jahr ist er drei Wochen mit dem Motorschlitten unterwegs, ohne einen Eisbären vor die Linse zu bekommen. Im zweiten Jahr findet er den Bau. Liegt tagelang auf der Lauer. Hinter einer selbstgebauten Schneewand mit Loch für das Objektiv. Aber sie kommen nicht raus. Im dritten Jahr dann eine Mutter mit ihren Jungen. 40 Meter entfernt. Rosing fotografiert – bei minus 28 Grad und 60 km/h Wind. Erst in der Lodge bemerkt er, dass seine Finger und seine Wangen erfroren sind und sich dicke Blasen gebildet haben.

 

Über 20 Jahre lang bereist er die Arktis

Zwei Jahre den Yellowstone-Park

Vier Jahre den Südwesten der USA

Viele Monate ist er in Afrika

Seit 20 Jahren in Deutschland

 

Und viele brenzlige Situationen und Begegnungen. Obwohl er vorsichtig und nur mir Einheimischen unterwegs ist.

 

Er seufzt: Der Abenteurer vermisst die weißen Flecken auf dem Globus. „Die Zeit des Pioniergeistes und der Entdecker ist vorbei.“ Überall gibt es Hotspots. Auf Google Earth lässt sich jeder Winkel der Erde virtuell erkunden, „wo bleibt da die Spannung?“ fragt er sich.

 

Deshalb wohl jetzt die Clematis. Seit drei Jahren ist Norbert Rosing der Schlingpflanze auf der Spur: „Weil man sie auf Google Earth nicht sehen kann.“ Sobald er einen Hinweis bekommt, ist er auch schon unterwegs. An der Amper, in Ismaning am Parkplatz, beim Flughafen, „das ist der dichteste Dschungel, den ich je gesehen hab“, erzählt er fasziniert.

Im Kopf entsteht schon ein Buch. Und eine Ausstellung. Über das wilde Gestrüpp: 250 Erste-Wahl-Bilder hat er schon.

 

Wenn es kein Projekt gibt, geht der Grafrather in die Berge – rauf und runter läuft er sie – mit den Jahren werden die Gipfel jedoch kleiner. Ohne Kamera geht er aber auch hier nicht los. Lange Flüge in der Enge des Flugzeugs sind nichts mehr für ihn. Eine Einladung, mit dem Schiff in die Antarktis zu fahren, lehnt Norbert Rosing kürzlich ab. „Alles hat seine Zeit.“

 

Und dann kommt er doch ins Fernweh: Gerne würde er noch mal ein paar Wochen in den Südwesten der USA. Die Mammutbäume … eine Große Baumgeschichte … ein großes Baum-Buch .... Und in die Dolomiten … Und zum Hainich-Nationalpark in Thüringen … Und zu den Auwäldern am Rhein … Und in die Wüsten zu den großen Sanddünen .. Und … die Natur gibt so viele Themen vor, dass Norbert Rosing wohl nie fertig wird werden könnte, sie zu fotografieren. „Man muss sich beeilen, die Natur verändert sich so schnell“, sagt er und geht schon mal voraus. 

 

 

Der Grafrather gewann internationale Preise beim BBC Wildlife Photographer of the Year Competition, Nature' s Best Magazine (USA), trat bei „Kerner“ und bei „Stern TV“ auf und wurde als Naturfotograf im kanadischen und deutschen Fernsehen bekannt, zuletzt auf der „Roten Couch“ bei der NDR Sendung DAS! 2016 trat er im Fernsehen beim MDR, bei 3 nach 9 und im Februar 2017 in der ZDF Sendung: „Markus Lanz“ auf. Seine Vorträge über die Arktis und Deutschland sahen tausende begeisterte Zuschauer. 2015 wurde er Pate des Eisbärenbaby-Zwillings „Nobby“ im Tierpark Hellabrunn in München.

 

Ein Spaziergang durch Tegernbach

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