Alle für ein Krankenhaus – ein Krankenhaus für Alle

Alle für ein Krankenhaus – ein Krankenhaus für Alle

Fotos/Repros: Corinna Eichberger-Renneisen – Text: Petra Neumaier

 

Auf ihr Krankenhaus konnten die Egenhofener zurecht stolz sein. Zumal sie selbst viel dazu beigetragen hatten. Sowohl mit ihren Händen als auch mit Geld- und Sachspenden.

Das hohe Fieber will einfach nicht vergehen. Schon seit Tagen liegt der Bub völlig entkräftet im Bett. Die einzige Hoffnung wäre ein Krankenhaus. Doch die nächsten Einrichtungen in Bruck (18 km), Friedberg (22 km), Dachau (25 km), München (50 km) und Augsburg (40 km) sind mit der Kutsche kaum rechtzeitig zu erreichen … Die prekäre ärztliche Versorgung in der äußersten Spitze der drei Bezirksämter Dachau, Friedberg und Bruck wollten die Bürger von zehn Ortschaften Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr hinnehmen. Und so trafen sich die Vertreter, um den Bau eines eigenen Krankenhauses in Angriff zu nehmen: im geografischen Mittelpunkt Egenhofen.

 

Eine Messe und eine Kerze waren die Bedingung

 

1895 gründeten sie den „Gemeindekrankenverband“. Unterstützt wurde jener von der „Freiherr von Lotzbeck‘schen Guts- und Rentenverwaltung“ und dessen Kurator Graf Max von Pappenheim. 10 000 Mark (heute rund 80 000 Euro) stellte er für den Bau des Krankenhauses aus der St. Nepomuk Stiftung in Weyhern zur Verfügung. Die Bedingungen: „Die kleine Kapelle an der Glonnbrücke muss instandgehalten werden; Jährlich wird in der Schlosskapelle eine Messe gelesen (wofür stets ans katholische Pfarramt Egenhofen 2,60 Mark (21,06 Euro) zu zahlen sind) und das ewige Licht bei der Johann Nepomuk Statue muss vom 15. bis 22. Mai leuchten.“  Einen jährlichen Zuschuss von 100 Mark (810 Euro) sagten zudem die Bezirksämter Friedberg und Bruck zu.

 

Kurz nach der Genehmigung Anfang 1899 begann der Bau. Das Grundstück hatte Bürgermeister Huber kostenlos zur Verfügung gestellt, das Bauholz spendierte die Gutsherrschaft in Weyhern. 18 450 Mark (149 445 Euro) waren veranschlagt. Doch obwohl freiwillige Helfer unentgeltlich anpacken und bereits im Herbst das Haus fertig war, blieb eine ungedeckte Bauschuld von 2 859,19 Mark (rund 23 150 Euro). Bis zum Jahr 1914 konnte sie jedoch aus den laufenden Einnahmen des Krankenhauses einschließlich der angefallenen Zinsen getilgt werden.

 

Die Tafel mit einer genauen Aufstellung der Finanzierung des Krankenhausbaus war an der Wand des Gebäudes eingemauert. Auf Bitte der engagierten Bürgerin Rosemary Rath wurde es vor dem Abriss entnommen und ist jetzt sicher aufbewahrt im Rathaus der Gemeinde.

Am 1. Januar 1900 ging das Krankenhaus in Betrieb. Die Möbel waren gespendet: Zwölf Betten, abgelegte Schränke, Tische und Stühle. Drei Krankenschwestern der „Armen Franziskanerinnen“ vom Mutterhaus in Mallersdorf sowie ein Arzt kümmerten sich um die Patienten. Als Pflegesatz wurde im königlichen Bezirksamt Bruck für Kranke drei Mark pro Tag (24,30 Euro) und für „Ortsarme“ zwei Mark pro Tag (16,20 Euro) für die Gemeinden Egenhofen, Weitenried, Pfaffenhofen, Höfa, Rossbach und Sittenbach festgesetzt.

 

Von Beginn an war das Krankenhaus gut ausgelastet. 1902 wurde sogar ein Leichenhaus dazu gebaut (was jedoch hoffentlich nicht die Kompetenz des Arztes und der Schwestern widerspiegelte). Um die Patienten autark versorgen zu können, kam 1930 eine eigene Wasserversorgung und ein kleiner Schweinestall hinzu. Ein 1932 erworbenes angrenzendes Grundstück wurde als Park und Gemüsegarten genutzt.

 

Der erste große Um- und Anbau des Krankenhauses war 1933: 50 Patienten hatten jetzt ein Bett. Für Komfort sorgten eine Dampfheizung mit 36 Heizkörpern und Heizschlangen in den Aborten, außerdem drei Badewannen, ein Senking-Herd mit Warmwasserboiler, sechs Spültoiletten, ein Handspeiseaufzug und 20 weitere eiserne Krankenbetten mit „Schlaraffia“-Matratzen. Fünf Jahre später erfolgte der Bau eines Waschhauses mit zwei Waschmaschinen und Trockenschleudern, einer Heißmangel und zwei großen Zubern. Die Wäscherei war sogar mit einem Gang mit dem Haus verbunden.

 

Als sich im Zweiten Weltkrieg die Fliegerangriffe auf München häuften, sorgte man auch im Egenhofener Krankenhaus vor. 1943 legte die Verwaltung im Park einen kleinen Löschweiher an, der zum Glück als solcher nicht zum Einsatz kommen sollte. In jenem Jahr wurde auch ein Bienenhaus und ein Geflügelstall errichtet. Im Januar 1944 sollte noch eine Krankenbaracke für „Ausländerkranke“ gebaut werden. 16 Betten und ein Schwesternzimmer waren geplant. Fertiggestellt wurden aber nur die Bodenplatte und das Balkengerippe. Weiteres Baumaterial war kriegsbedingt nicht mehr verfügbar und so blieb es bei dem Vorhaben. Die Baracke wurde später abgebrochen und aus dem Material im großen Garten ein kleiner Stadl gezimmert. Auf seinen Grundmauern wurde ein Rohbau für einen Arzt erstellt, aber ebenfalls nicht vollendet.

 

Aufgrund der wachsenden Patientenzahl kam es 1951 noch einmal zu einer Erweiterung:  Mit weiteren Zimmern inklusive „Lichtrufanlage“ wuchs das Krankenhaus auf 74 Betten an. Sechs Krankenschwestern und vier Dienstmädchen standen bereit, der Arzt hatte ab 1952 sogar einen eigenen Röntgenapparat zur Verfügung.

 

Auf dieser grünen Wiese muss einst das Krankenhaus gewesen sein – mit seinen Nebengebäuden und einem kleinen Park.

Mit den modernen Kreiskliniken schwand jedoch rasch die Patientenzahl. Einige Zimmer wurden als Alten- und Pflegeheim umgenutzt, 1961 der Betrieb als Krankenhaus aufgegeben. Die Schwestern kümmerten sich nurmehr um die Betagten. 1983 verließen aber auch sie aus Altersgründen die Einrichtung. Das Haus stand zum Verkauf – der Landkreis lehnte das Angebot über 3,4 Millionen DM  (1,7 Millionen Euro) ab. Geschlagen geben wollten sich die Kommunen jedoch nicht. 1985 erfolgte noch einmal ein umfassender Umbau in ein Pflegeheim mit 21 Betten. Tatsächlich fand sich ein Pächter, der jedoch 1996 aus finanziellen Gründen aufgab. Sein Nachfolger stellte 2004 endgültig den Betrieb ein. Wenige Jahre später beendete die Abrissbirne die einzigartige Geschichte des Egenhofener Krankenhauses.

 

 

Dem Artikel zu Grunde liegen Dokumente, die der Arbeitskreis Gemeindegeschichte aus Egenhofen zusammengetragen und in einer seiner jährlich erscheinenden Ausgaben veröffentlicht hat (Ausgabe 2019). Die „Geschichte(n) aus der Gemeinde Egenhofen“ sind erhältlich im Rathaus in Unterschweinbach.

 

 

Kathrin Schmah und Tine Kirchner

Kathrin Schmah und Tine Kirchner

Dinner for GUSTL

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