Dachziegelscham
Wenn ich durch die schmucken Wohngebiete des Energiewende-Landkreises Fürstenfeldbruck zuckele, sehe ich Entsetzliches: jede Menge herrliche Dachflächen, von südlichen Sonnenstrahlen verwöhnt, ohne die leiseste Andeutung irgendeiner Art von Energieerzeugungsanlage.
Da erwacht die Greta Thunberg in mir: How dare you! Wie soll die Energiewende gelingen, wenn sich Menschen der naheliegendsten Idee verweigern? Wann bricht nach der Flugscham endlich die Dachziegelscham aus? Wer ein Dach und ein Gehirn hat, sollte beides zusammenschalten.
Was ist daran so schwer zu verstehen? Früher war Photovoltaik Weltraumtechnik, teuer und empfindlich. Heute ist sie Massenware, hochentwickelt und bezahlbar. Ja, ihre Herstellung kostet auch Energie. Aber nach einem Jahr hat sich dieser Nachteil amortisiert.
Immer wieder höre ich die Frage, ob es „sich lohnt“. Natürlich! Immer – für die Umwelt! Und es lohnt sich längst auch finanziell, denn Energie aus fossilen Brennstoffen wird durch die CO2-Bepreisung immer teurer. Aktuell kostet die Kilowattstunde (kWh) Strom um die 30 Cent. Die vom eigenen Dach kriegen Sie (Anschaffungskosten geteilt durch die gesamte erzeugte Strommenge) für unter 9 Cent. Was ist da so schwer zu verstehen?
„Aber ich hab doch kein Geld!“ Wenn ich vorsichtig nachfrage, stellt sich heraus: Die meisten haben einen Aktienfonds oder ein Festgeldkonto. Fast alle dieser Geldaufbewahrungen haben sich 2022 in Geldvernichtungsvorrichtungen verwandelt: 4,1 Prozent realer Verlust bei Sparkonten, 19,7 Prozent Minus bei Aktien. Die beste Geldanlage ist eine Photovoltaikanlage, daher der Name! Es lohnt sich sogar bei gestiegenen Zinsen, dafür einen Kredit aufzunehmen.
Professor Timo Leukefeld, Vollprofi für die Energieeffizienz riesiger Wohnanlagen, rät: Machen Sie beim Thema Heizung erst mal nichts. Denn es wird noch dauern, bis Klarheit herrscht über die richtige Technik. Aber: Nutzen Sie die Zeit, um Strom selbst zu erzeugen! Dazu ein E-Auto, das Sie mit selbstgeernteter Energie füttern – und Sie haben Ihren CO2-Fußabdruck um über ein Drittel verkleinert. Für Ihre private Energiewende gilt: Wenn nicht jetzt, wann dann?
Haben Sie kein eigenes Dach, beteiligen Sie sich an einer Bürgersolaranlage. Kaufen Sie ein günstiges Balkonkraftwerk, um auf den Geschmack zu kommen. Sie brauchen dafür nicht einmal einen Balkon, und der Anschluss ist so simpel wie der einer Stehlampe.
Haben Sie auf einen Schlussgag gewartet, der diesen Text als Satire darstellt? Nee, kommt nicht – das mit der privaten Sonnenstrom-Energierevolution meine ich ernst. Die prima Landkreis-Initiative Ziel 21 ist gerade am Eingehen. Jetzt müssen wir selbst ran. Alle.
Werner Tiki Küstenmacher, 70 Jahre alt, evangelischer Pfarrer im Ehrenamt, Karikaturist und Buchautor. Lebt mit seiner Frau, der Autorin Marion Küstenmacher, in Gröbenzell. Die beiden haben Kinder, Enkel und seit Januar 2021 eine 10 kW-Photovoltaikanlage mit 10 kWh Speicher.