Darf man feiern, wenn Krieg ist?
Wenn Menschen sich hilflos dem Schicksal ausgeliefert fühlen, neigen sie dazu, sich zu opfern. Oder wenigstens ein Stück von ihrem Glück. Dass Volksfeste in Coronazeiten ausfielen, hatte gute medizinische Gründe. Es schwang aber auch der Opfergedanke mit: In solchen Zeiten sollten wir nicht feiern. So manchem ist immer noch nicht wohl bei der Vorstellung, dass in ein paar Monaten der Ukrainekrieg immer noch andauert und trotzdem das Oktoberfest stattfindet. Und so manche andere Fete.
Die Idee des Opfers gilt als Ursprung der Religion. Auch wenn sich die Mehrzahl der Europäer inzwischen als eher unreligiös betrachtet – die Uridee, sich für Höheres zu opfern, ist in ihren Seelen noch lebendig. In frühen Formen von Religion stellen sich Menschen Gott vor wie einen übermächtigen Herrscher, der klare Zeichen der Unterwerfung fordert.
Meist wird ein hoher Wert benannt, für den dieses Opfer dargebracht wird: für die Gesundheit, das Vaterland, die Natur, das Überleben der Menschheit. Doch genau sie profitieren von dem Opfer nicht. Opfer im Sinne von Selbstschädigung widerstreben der Gesundheit, dem Vaterland, der Natur, der Menschheit. Es gibt bewundernswerte Ausnahmefälle, in denen tatsächlich jemand durch sein Opfer einem anderen das Leben ermöglicht, etwa wenn ein lebender Mensch einem Verwandten eine Niere spendet.
Viel häufiger jedoch geht das Opfer am Ziel vorbei. Die kranke Mutter hat nichts davon, dass die Tochter ihre Gesundheit „für sie“ opfert. Die Mutter träumt von einer fröhlichen, gesunden Tochter, die das Geschenk des Lebens weitergibt an ihre Kinder. Die Firma hat nichts davon, dass Mitarbeiter sich „für sie“ kaputt arbeiten. Ehrenvoller und auf lange Sicht profitabler für das Unternehmen (den Verein, die Gemeinde, den Staat) ist es, wenn die Menschen Freude bei ihrer Arbeit gewinnen. Und bei Veranstaltungen, Zusammenkünften, Festivitäten.
Beim Propheten Hosea heißt es daher: „Ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer.“ Entdecken Sie die Energie, die in Ihrem Opferwillen steckt, und lenken Sie diese Kraft in die richtigen Bahnen. Sehen Sie Ihr gutes Herz und das gute Herz der anderen, für die Sie sich opfern wollten. Sagen Sie Nein zur Selbstzerstörung und Ja zur Liebe. Leiden Sie nicht, sondern handeln Sie. Dann dürfen Sie sich auch erlauben, getrost zu feiern.
Werner Tiki Küstenmacher, Baujahr 1953, ist evangelischer Pfarrer im Ehrenamt, Karikaturist und Buchautor. Seit 1984 wohnt er mit seiner Frau, der Autorin Marion Küstenmacher, in Gröbenzell. Die beiden haben 3 Kinder und 2 Enkel.