Bleiben Sie gesund!
Dieser Wunsch hängt mir schon zu den (vom ewigen Maskentragen abstehenden) Ohren heraus. Ich hab ihn von Anfang an nicht gemocht. Denn er hat einen Haken: Der Mensch, zu dem Sie das sagen, ist möglicherweise bereits krank. Und er wird es auch bleiben.
„Chronisch krank“ ist der Fachausdruck dafür. Ich hab gestaunt, als ich diesen Begriff gegoogelt habe: Über die Hälfte der Deutschen leidet an einer Erkrankung, die nicht mehr geheilt werden kann. Der Wunsch, „gesund“ zu bleiben, ist in jedem zweiten Fall also pure Ironie.
Die gute Nachricht: Die meisten fühlen sich mit ihren Krankheiten erstaunlich wohl. Das verdanken sie vor allem der modernen Medizin, deren Schwerpunkt sich längst verschoben hat – vom klassischen Heilen zum Erträglichmachen des Krankseins.
Die Zahl der Erkrankungen, mit denen ein Mensch gleichzeitig fertig werden muss, nimmt mit dem Alter rapide zu. Zwei Drittel aller Deutschen über 65 Jahren gelten als multimorbid. Ein unschönes Etikett, das Mediziner jedem verpassen, der mehr als zwei dauerhafte Krankheiten hat. Die häufigsten sind Bluthochdruck, fettmetabole Störungen, koronare Herzerkrankungen, Rückenschmerzen, Arthrose, Gicht, Rheuma, Diabetes, Asthma. Von vielen Erkrankungen merken die Patienten nichts mehr, außer der täglichen Tablette bei einer Unterfunktion der Schilddrüse oder dem morgendlichen Cortisonstoß aus der Asthma-Spraydose.
Die Volksweisheit „Gesundheit ist doch das Wichtigste!“ hat noch nie gestimmt. Viele Geistesgrößen litten oder leiden unter schweren chronischen Beschwerden. Erstaunlich viele Leinwand- und Gesangsstars plagen sich mit Fibromyalgie und schweren Hautkrankheiten. Rekordverdächtig multimorbid war Beethoven, der neben seiner Taubheit von Rheuma, Asthma, Sinusitis, Hörstürze, Tinnitus und Herzinsuffizienz geplagt wurde. Der tschechische Komponist Bedrich Smetana war geschlagen mit einem extremen Tinnitus in Form eines „schrill pfeifendem As-Dur-Sextakkords“. In seinem Streichquartett „Aus meinem Leben“ hat er ihm ein musikalisches Denkmal gesetzt (ist aber kein Hit geworden).
Wären diese Menschen ohne ihre Krankheit noch kreativer gewesen? Oder war gerade der Kampf dagegen die Kraftquelle ihres Schaffens? Das lässt sich unmöglich beantworten. Ich finde es jedenfalls zynisch, Krankheit und Schmerzen als Raketenantrieb für den Geist zu betrachten.
Was sollten wir also stattdessen wünschen? „Werden Sie nicht noch kränker!“ entspräche zwar den Fakten, klingt aber nicht besonders charmant. Das gute alte „Lassen Sie sich’s gut gehen!“ würde passen, denn ums subjektive Wohlbefinden geht es ja, auch in der Medizin. Mir gefällt das bei den Schwaben verbreitete „Gute Zeit!“, denn darin ist zweierlei enthalten: Der Wunsch, dass es meinem Gegenüber gut gehen soll, unter welchen Belastungen auch immer. Und die Erinnerung an das große Geschenk des Lebens, das es klug zu nutzen gilt, wie auch immer mein Gegenüber körperlich beisammen ist: die eigene Lebenszeit.
Werner Tiki Küstenmacher, Baujahr 1953, ist evangelischer Pfarrer im Ehrenamt, Karikaturist, Buchautor und wohnt seit 1984 mit seiner Frau, der Autorin Marion Küstenmacher, in Gröbenzell.