Warum so hässlich?

Warum so hässlich?

 Warum so hässlich?

 Ich reise viel innerhalb Deutschlands. Bin ich zum ersten Mal in einem neuen Ort, schaue ich unwillkürlich um mich herum wie ein Reh, das auf eine Lichtung tritt: Wie ist das hier? Hübsch oder hässlich? Will ich hier bleiben, oder lieber schnell wieder weg? Kehre ich heim nach Gröbenzell, mache ich diesen Rundum-Check normalerweise nicht. Hier kenne ich ja alles. Aber vor einiger Zeit habe ich mich absichtlich so benommen, als stünde mein inneres Bambi erstmals auf dieser Lichtung westlich des Münchner Urwalds. Und Bambi war geschockt. Meine Güte, was steht da alles Potthässliches im öffentlichen Raum herum! Wie konnte ich mich nur daran gewöhnen?

 „Ist das Kunst oder kann das weg?“ möchte man angesichts mancher Monstrosität am Straßenrand fragen. 1854 erfand der Berliner Drucker Ernst Litfaß die nach ihm benannte Säule, um der wilden Plakatkleberei in der Stadt Einhalt zu gebieten. Anderthalb Jahrhunderte später scheint die Zeit von Poster und Tapetenkleister langsam abzulaufen. Aber keiner traut sich, die Betontrümmer abzureißen, und so helfen sie als nackerte Zementphallusse fleißig beim Ortsverschandeln mit.

 Letztes Jahr hat die Telekom unsere Gehsteige mit überbreiten mondgrauen Multifunktionsgehäusen beglückt (offizieller Name MFG, mit freundlichen Grüßen sozusagen). Der technische Fortschritt, der sonst zur Miniaturisierung strebt, hat bei ihnen zur alten Protzform zurückgefunden. Vermutlich, damit dort Platz ist für die nächsten Kommunikationstechnologien. Ein Hersteller dieser Kästen, die Berliner Firma Sichert, hatte schon die Idee, die Sender für das neue Handynetz 5G in seine Kunststoffstehsärge einzubauen – damit sie nicht nur ästhetisch stören, sondern auch tüchtig Strahlen aussenden. Die alten Kästen daneben stehen offenbar als Industriekulturerbe vergangener Wählscheibenzeiten unter Denkmalschutz und werden stehengelassen, um stilvoll vor sich hin zu vergammeln.

 Könnte mir doch egal sein, wie den meisten Mitmenschen auch, die sich an all den Verhau links und rechts ihres täglichen Weges zur Arbeit längst gewöhnt haben. Warum schreibe ich über solche Nebensachen? Weil jede behördlich genehmigte Hässlichkeit ein kleiner Nadelstich ins Bürgerbewusstsein ist und stumm bezeugt: „Wir stellen hier hin, was uns passt, und ihr dauernörgelnden Steuern- und Gebührenzahler seid so was von machtlos.“ Doch auch solches Kleinvieh macht Mist, fördert die Politikverdrossenheit und mindert die gern beschworene Freude an der Demokratie.

 Aber zum Glück reise ich ja viel innerhalb Deutschlands. In Bad Driburg am Rand des Teutoburger Waldes habe ich solche Kästen liebevoll bemalt gefunden. Das „Netzwerk Nachbarschaft“ hat dort die Aktion „Kunst am Kasten“ ins Leben gerufen. Ähnliches gibt es im schleswig-holsteinischen Glinde, in Bonn, Berlin und vielen anderen Städten – und vielleicht auch bald in unserem Landkreis? Wildwütendes Besprayen ist keine Lösung. Aber das Potenzial der zahlreichen Hobbykünstler in unserer Region ließe sich doch nutzen, um ein wenig bürgerliches Selbstbewusstsein wiederzugewinnen.

 Werner Tiki Küstenmacher ist evangelischer Pfarrer im Ehrenamt, Karikaturist und Buchautor. Mit seiner Frau, der Autorin Marion Küstenmacher, wohnt er in Gröbenzell. Am 3. März war er letztmalig in der „Evangelischen Morgenfeier“ zu hören: Zumindest als Radioprediger befindet er sich jetzt im Ruhestand.

 

Das Therapiebegleithundeteam

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Una festa italiana

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